Als Forscherin, die ihre Karriere der Qualität und Nachhaltigkeit von Meeresfrüchten gewidmet hat, begegnet mir eine Frage häufiger als jede andere: „Woher weiß ich, ob mein Fisch nachhaltig ist?“ Eine berechtigte Frage – deren Antwort differenzierter ausfällt, als die meisten Marketingkampagnen vermuten lassen.
Die globale Herausforderung bei Meeresfrüchten
Die Zahlen sind beeindruckend. Der globale Meeresfrüchtemarkt erreichte 2025 einen Wert von 387 Milliarden Dollar und soll sich bis 2034 nahezu verdoppeln. Aquakultur liefert inzwischen mehr als die Hälfte aller weltweit konsumierten Meeresfrüchte. Dieses Wachstum bringt Chancen und Verantwortung gleichermaßen mit sich.
Da Verbraucher zunehmend auf gesunde Ernährung achten – angezogen vom hohen Proteingehalt, den Omega-3-Fettsäuren und dem niedrigen Anteil gesättigter Fettsäuren in Fisch – wächst der Druck auf marine Ökosysteme. Die Frage lautet nicht, ob wir Meeresfrüchte essen sollten, sondern wie wir dies verantwortungsvoll tun können.
Nachhaltigkeitssiegel richtig einordnen
MSC (Marine Stewardship Council)
Das blaue MSC-Siegel ist das bekannteste Zertifikat für Wildfang-Fischereien. Um es zu erhalten, müssen Fischereien nachweisen:
- Nachhaltige Fischbestände
- Minimierte Umweltauswirkungen
- Wirksame Bewirtschaftungspraktiken
ASC (Aquaculture Stewardship Council)
Das ASC-Siegel konzentriert sich auf Zuchtfisch und setzt Standards für:
- Wasserqualitätsmanagement
- Verantwortungsvolle Futterbeschaffung
- Krankheitsmanagement ohne übermäßigen Antibiotikaeinsatz
- Soziale Verantwortung
Was die Siegel nicht verraten
So wertvoll diese Zertifizierungen sind, sie haben Grenzen. Kleine Fischereien in Entwicklungsländern können sich den Zertifizierungsprozess oft nicht leisten – selbst wenn ihre Praktiken nachhaltig sind. Umgekehrt garantiert eine Zertifizierung keine Perfektion – sie bestätigt die Einhaltung eines Standards.
„Zertifizierung ist ein Instrument, keine Garantie. Die nachhaltigste Wahl hängt oft vom lokalen Kontext, der Saison und der Art ab.“
Die Rolle der Technologie bei der Rückverfolgbarkeit
Hier wird meine Forschungsarbeit unmittelbar relevant. In unserem DENGiZ-Projekt (Grüne Welle: Sicherer und rückverfolgbarer Fisch vom Meer bis auf den Tisch), gefördert durch TÜBITAK SAYEM, entwickeln wir Technologien, die Meeresfrüchte vom Fang bis zum Teller rückverfolgen können.
Schlüsseltechnologien für die Rückverfolgbarkeit:
- Computer Vision: Visuelle Qualitätsbewertung in jeder Phase der Lieferkette
- Spektroskopie: Schnelle Authentifizierung von Art und Herkunft
- Blockchain: Fälschungssichere digitale Aufzeichnungen der Lieferkette
- IoT-Sensoren: Kontinuierliche Temperatur- und Zustandsüberwachung
Die DENGiZ-Vision
Stellen Sie sich vor, Sie scannen einen QR-Code auf einer Fischverpackung und sehen genau, wo der Fisch gefangen wurde, wie er transportiert wurde und welche objektiven Qualitätsdaten in jedem Schritt erhoben wurden. Genau das bauen wir – ein transparentes, wissenschaftlich fundiertes System, das Verbraucher informiert.
Praktische Tipps für Verbraucher
- Kaufen Sie lokal und saisonal, wenn möglich – kürzere Lieferketten bedeuten frischeren Fisch und geringere CO₂-Emissionen
- Achten Sie auf Zertifizierungen (MSC, ASC), aber übersehen Sie nicht den nachhaltigen lokalen Fischer
- Diversifizieren Sie Ihre Auswahl – wer verschiedene Arten isst, verringert den Druck auf einzelne Bestände
- Stellen Sie Fragen an der Fischtheke – ein fachkundiger Fischhändler kann Herkunft und Frische benennen
- Lernen Sie, Frische selbst einzuschätzen – klare Augen, festes Fleisch, frischer Meergeruch
Der Ansatz der Kreislaufwirtschaft
Nachhaltigkeit betrifft nicht nur den verantwortungsvollen Fang oder die Zucht – es geht um das gesamte System. In unserem Vortrag in Basel, Schweiz (Mai 2025) befassen wir uns mit dem Thema „Abfallmanagement und Kreislaufwirtschaft in der blauen Lebensmittelproduktion“. Zentrale Konzepte sind:
- Verwertung von Fischverarbeitungsabfällen für Mehrwertprodukte
- Integrierte multitrophische Aquakultur (IMTA) – gemeinsame Zucht von Fisch, Muscheln und Algen
- Alternative Futtermittel aus Insekten und Algen, um die Abhängigkeit von Wildfischmehl zu verringern
Als Koordinatorin für Wissenschaftskommunikation der RETHINK BLUE COST Action arbeite ich daran, diese Konzepte für politische Entscheidungsträger, Branchenfachleute und Verbraucher gleichermaßen zugänglich zu machen.
„Nachhaltiger Fisch ist kein Luxus – er ist eine Notwendigkeit. Und es beginnt mit informierten Entscheidungen auf jeder Ebene der Lieferkette.“
Haben Sie Fragen zum Thema nachhaltiger Fisch? Schreiben Sie mir – ich freue mich immer über den Austausch darüber, wie Wissenschaft bessere Entscheidungen ermöglichen kann.